Ein wirklich erstaunliches Ding

In New York und an zahlreichen anderen Orten auf der ganzen Welt erscheint Carl, ein großer, wie eine Statue erscheinender Roboter, der vollkommen reglos wenige Mikrometer über dem Boden schwebt, nicht von der Stelle zu bewegen ist und auch sonst nicht viel macht. Die Protagonistin April entdeckt zufällig diesen Carl in Manhattan, dreht mit ihrem besten Freund Andy ein Video, lädt dieses Video bei YouTube hoch und wird megaberühmt und reich. Der Rest ist relativ uninteressant, es handelt sich ausschließlich um die größenwahnsinnigen Fantasien einer offensichtlich Zwölfjährigen, die nichts anderes im Kopf hat, als die Zahl ihrer „Follower“ bei YouTube und Twitter in die Höhe zu treiben, um damit möglichst viel Geld zu scheffeln. Eins muss ich gleich vorwegsagen. Das Buch hat mich sehr erstaunt – habe ich doch noch nie in meinem Leben einen solchen hanebüchenen Unfug gelesen. Und ich bin schon 57 Jahre alt. Es ist also wirklich ein erstaunliches Ding, was ich da in den Händen halte. Ein 435 Seiten starker Roman – „Rohmanuskript“ steht jedenfalls auf dem Cover – „direkt aus der Werkstatt“ und da haben wir es ja: „Roman“. Dann wollen wir doch mal schauen. Fangen wir außen an – beim Umschlag geht es los. Der Bruder des Autors Hank Green wird auf der Rückseite des Covers zitiert: „Einfach brillant – das beste Buch … blablabla.“ Oder: „Dieses Buch ist fast zu gut …“ Moment mal – der Bruder wird zitiert? Wie hohl muss ein Verlag erst mal sein, den Bruder des Autors zu zitieren – ich meine, was denken die eigentlich, was der über das Buch sagen wird? In Erwartung eines handfesten Familienkrachs wahrscheinlich etwas wie: „Mein Bruder konnte noch nie über etwas anderes als seine eigene kleine Welt nachdenken?“ Und in diesem Stil der kompletten Ichbezogenheit und der maßlosen Selbstüberschätzung geht es inhaltlich ansatzlos weiter. Zitat: „Es gab Zeiten in meinem Leben, da fand ich es furchtbar, durch mein Äußeres Macht über Menschen zu haben.“ Und dann kommt die Protagonistin auf die hanebüchene Idee, den Beginn des Ersten Weltkriegs, bzw. das diese schreckliche Epoche auslösende Attentat mit einem misslungen Attentat auf sich selber zu vergleichen. Etwas, was die Welt verändern würde. Soll sich der Leser damit identifizieren? Mit so einem überzogenen Mist? Aber weiter: Zitat: „Sie hob die Arme und machte dann buchstäblich die Facepalm-Emoji-Geste.“ Buchstäblich? Eben nicht. Es ist ja eine Geste. Und wer glaubt denn im Ernst, dass ich als Leser mich jetzt an einen Rechner setze, um zu googeln, was das bedeutet und wie diese Geste aussieht? Es geht mir an diversen Stellen so und es nervt. Ich kann verstehen, dass der Autor im Jargon der Geschichte bleibt, aber er schränkt sein Zielpublikum ziemlich ein. Wr weiß offensichtlich nur zu gut, dass es natürlich nicht dumm ist, seine Heldin eine junge Frau sein zu lassen, so wie auch der Sidekick, die beide nicht genau wissen, ob sie bi- oder homosexuell sind, während die Männern ihre angestammte Rolle als Unterstützer oder Bösewicht einnehmen. Der Bösewicht ist noch dazu ein Defätist, einer, der nicht die ganze Zeit in grenzenloser Naivität von einer Blödheit in die nächste stolpert wie die Titelheldin. Alles in allem findet sich hier eine langweilige Mixtur aus Problemen versammelt, mit denen sich Leute beschäftigen mögen, die sonst nicht viel im Leben zu tun haben. Das Interesse für soziale Medien ist groß, ich kenne tatsächlich kaum jemanden unter dreissig, der nicht auf mindestens einer dieser Plattformen unterwegs ist. Aber eine Darstellung des realen Lebens – und zwar nicht permanent durchsetzt mit Problemen, die sich aus der sinkenden Userzahl ergeben oder ähnlichem Schmonzes, würden mich als Leser wesentlich mehr reizen. Als Fazit bleibt die Erkenntnis: Social Media ist komplett sinnlos und ebenso jedes Wort darüber verloren Liebesmüh. Die geschilderte Scheinwelt ist tatsächlich eine hohle Blase und wie wenig soziale Kompetenz diese Leute haben ist erstaunlich. Der Youtube-Autor hat über 8 Millionen Abonnenten und 2 Mrd. Aufrufe. Holla, da wird sich das Buch aber gut verkaufen – Verkaufstalent hat er also. Das dürfte auch der einzige Grund sein, wieso dies Machwerk erscheint. Und ich vermute stark, dass es auch noch eine Fortsetzung geben wird. Dem Leser jedenfalls wird damit kein Gefallen getan.